Heute wollen wir wandern gehen. Wir sind extra früh aufgestanden. Es soll ein sonniger Tag werden. Ihr erinnert mich glücklicherweise noch einmal daran. Ich laufe schnell zurück in mein Zimmer und hole die Sonnenbrille, bevor wir das Haus verlassen. Dreißig Minuten Autofahrt trennen uns von dem Startpunkt unserer Wanderung. Ich sitze hinten und halte meine Sonnenbrille noch immer in der Hand: So froh darüber, sie nicht im Appartement vergessen zu haben, dass ich sie auf keinen Fall im Auto liegen lassen möchte – ich kenne mich. Mit einem Lächeln betrachte ich sie. Es ist die Gelbe, die mit den goldenen Gläsern, die mich zurück nach Südafrika bringt.
Dort habe ich sie gekauft, nachdem meine Secondhand-Designer-Sonnenbrille einem Steinschlag zum Opfer fiel. Es war ein heißer, sonniger Tag. Ein Tag, den man ohne Sonnenbrille nicht übersteht. Deshalb kaufte ich mir an einem kleinen Stand die Nächstbeste. Es war die Gelbe mit den goldenen Gläsern. Sie war günstig, umgerechnet eins fünfzig, es gab kein Risiko, ich überlegte nicht. Diese Übergangslösung begleitet mich seit über zwei Jahren. Sie ist leicht, drückt nicht, ist robust und taucht die Welt in einen goldenen Schein – sie ist meine zuverlässige Wanderbegleiterin geworden.
Endlich sind wir da. Ich will mich bewegen, steige aus und ziehe die Sonnenbrille auf. Wir laufen durch wunderschöne Natur: Grüne Täler, bewachsene Hänge, türkisblaue Buchten. Völlig überfordert von dieser Schönheit, die von allen Seiten kommt, schaue ich mich ständig um. Mein Blick findet keinen Fokus und ich genieße diese Offenheit. Nach knapp zwei Stunden stehen wir an einer einsamen Bucht. Wir entscheiden uns für eine Rast. Die Ruhe, die nur vom Rauschen des Ozeans gebrochen wird, scheint uns perfekt dafür. Im Schatten einer Palme breiten wir die Decken aus und setzen uns. Ich trinke einen großen Schluck Wasser, dann nehme ich die Brille ab.
Mit der Handbewegung, die mir die Brille von der Nase nimmt, nehme ich mir auch meine Begeisterung. Alles, was eben noch so farbenfroh strahlte, wirkt plötzlich blass. Wie wenig nachhaltig sind bitte Gefühle? Der Südafrika-Filter ist weg, denke ich und schaue sehnsüchtig zu der gelben Sonnenbrille neben mir auf der Decke. Ich bin enttäuscht. Aber wieso? Es ist alles schön, nur die Farben sind anders. Ich entscheide mich, die Brille für den Rest des Weges in meinem Rucksack zu verstauen. Nach einiger Zeit habe ich mich an die Realität gewöhnt und die Begeisterung kehrt zurück. Sie hat die selbe Intensität, wie zuvor.
Am Ende des Tages schreibe ich in meine Notizen:
Wenn du mit einem Filter auf die Realität schaust, ihn aber nicht erkennst, dann hat die Realität keine andere Chance, als zu enttäuschen. Sei also dankbar für jede Gelegenheit, die dir den Blick auf die Realität frei gibt. Nehme sie an und lasse sie wirken. Sie kann für sich schön sein. Und wenn sie einen wirklich schlechten Tag hat, dann liegt die gelbe Sonnenbrille griffbereit.